Die Kraft der Kälte
Wie Kaltwasseranwendungen dein Wohlbefinden stärken
Weit vor Beginn der Badesaison sieht man sie an Seen und Stränden: Menschen, die ihre wärmende Kleidung ablegen und in eisiges Wasser steigen. Vollkommen freiwillig und offenbar auch noch mit Freude. Tatsächlich findet das Eisbaden, das in skandinavischen Ländern eine lange Tradition hat, auch bei uns eine immer größere Anhängerschaft – aus gutem Grund. In diesem Beitrag erfährst du, wie du mit Kaltwasseranwendungen dein Wohlbefinden steigern kannst und was es dabei zu beachten gilt.
Zehn Frauen stehen am Ufer eines Sees, dick eingepackt in Wintermäntel, Schals und wärmende Stiefel. Gleich soll es losgehen – ins Wasser, mit nichts als Badezeug am Körper, Neoprensocken an den Füßen und auf den Köpfen bunte Mützen. Es ist Ende Januar, als sich unsere Gruppe hier am Seeufer trifft, und ich bin dankbar, nicht allein zu sein. Bisher hatte ich zwar die Vorzüge des kalten Wintersees für kleinere Kneipp-Anwendungen an den Beinen entdeckt. Mit dem ganzen Körper hatte ich mich jedoch noch nicht ins eiskalte Nass getraut.
Nach kurzer Einführung geht es dann auch schon hinein, erst knietief, dann immer weiter ins 4 Grad kalte Wasser. Unter ca. 15 Grad Wassertemperatur gilt das, was wir hier tun, als Eisbaden. Als der See uns bis zum Bauch steht, halten wir inne und unsere Begleiterin sagt mit ruhiger Stimme: "Und jetzt gehen wir in die Knie!". Meine Intuition hält dagegen: "Ähh, was??? Das ist EISKALT!" Spannend, was nun im Körper geschieht: Meine Atmung fängt an zu pumpen, mein Herz schlägt wild, mein Körper mobilisiert alle Kräfte, am liebsten würde ich wegrennen. Kein Wunder, ich bin im Überlebensmodus. "Kampf oder Flucht?" scheint mein Nervensystem mir zuzubrüllen. Ich entscheide mich für: Bleiben.
Was beim Eisbad passiert
Bei extremen Kältereizen wie dem Eisbaden ziehen sich unsere Blutgefäße schlagartig zusammen. Das Blut aus Armen und Beinen wird ins Körperinnere geleitet, um dort die lebenswichtigen Organe vor dem Auskühlen zu schützen. Der Körper leitet also tatsächlich ein Notprogramm ein, das unser Überleben schützen soll. Anschließend weiten sich die Gefäße wieder und Blut durchströmt unseren gesamten Körper, um uns wieder zu erwärmen. Das kann folgende Wirkungen erzielen:
- Durchblutung: Mit dem gesteigertem Blutfluss gelangen frischer Sauerstoff und Nährstoffe in alle Zellen, er schützt zudem vor Ablagerungen und Bluthochdruck – und sorgt für einen rosigen Teint.
- Immunsystem: Auch die Scheimhäute, die in der winterlichen Heizungsluft oft austrocknen, werden stärker durchblutet und können so ihre Arbeit gegen Krankheitserreger besser nachkommen.
- Fettverbrennung: Braunes Fettgewebe wird in wohlige Wärme umgewandelt. Dies kann wiederum schützende Effekte auf die Entwicklung von Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen haben.
- Regeneration: Es gibt Hinweise auf eine schnellere Erholung und weniger Muskelverletzungen nach dem Sport, u. a. durch einen schnelleren Abtransport von Stoffwechsel-Verbrauchsprodukten.
- Wechseljahre: Auch typische Beschwerden der (Peri-) Menopause wie Stimmungsschwankungen, Reizbarkeit, Angst und Hitzewallungen können signifikant verbessert werden.
- Mentale Stärke: Last but not least schütten wir massenweise Hormone aus. Noradrenalin steigert die mentale Klarheit , Endorphine, die u. a. bei Bewegung produziert werden, dienen als körpereigene Schmerzmittel und Dopamin belohnt unseren Mut und führt zu einem natürlichen Glücksgefühl – Achtung, kleine Suchtgefahr! ;)
Unsere Begleiterin erklärt nun, wie wir Atem und Nervensystem zurück ins Gleichgewicht bringen. Tief ausatmen, aufs Wasser hinausschauen, den Horizont im Blick. Das hilft tatsächlich und schon nach kurzer Zeit geschieht etwas Wunderbares: Mit allen Fasern meines Körpers bin ich hellwach und so präsent wie noch nie. Ich spüre das tausendfache Nagen und Kribbeln der Kälte an den Oberschenkeln, merke, dass ausgerechnet meine Ellenbogen, die nur kurz ins Wasser dippen, kalt werden, atme die klare Winterluft, genieße diese Hyperaufmerksamkeit, muss lächeln. "Ihr entscheidet selbst, wann es genug ist", höre ich von links. Und nach ein paar weiteren Sekunden (oder waren es Jahre?) begebe ich mich zurück ans Ufer.
Dort treffe ich auf die Frauen, die nach und nach herauskommen, mit roten Wangen und leuchtenden Augen. Wir strahlen, klatschen uns ab, sind durchflutet von Glückseligkeit – und frieren seltsamerweise kein bisschen. Währen wir uns abtrocknen, anziehen und einen heißen Tee trinken erfahren wir noch, wie wir wieder langsam warm werden. Nach ein paar Bewegungsübungen verabschieden wir uns mit dem Ziel, uns in vier Wochen wieder hier zu treffen. Ich kann es kaum erwarten.
Tipps für den eiskalten Einstieg
- Vorbereitung: Den Körper an die Kälte zu gewöhnen, z. B. mit Wechselduschen oder Kaltwasseranwendungen an Armen und/oder Beinen
- Anleitung: Mindestens das erste Eisbad unter professioneller Begleitung durchführen
- Von warm zu kalt: Nur ins Wasser gehen, wenn du vorher durchgewärmt bist und dich wohlfühlst. Bei Infekten natürlich pausieren!
- Atmen: Vor und während des Eisbades kontrolliert und regelmäßig atmen
- Kopf hoch: Den Kopf mit einer Mütze schützen und nicht untertauchen
- Hand und Fuß: Neoprensocken ermöglichen längere Eisbadezeiten; Hände möglichst außerhalb des Wassers halten und ggf. mit Neoprenhandschuhen schützen
- Zeit: Nur so lange im Wasser bleiben, wie es sich gut anfühlt, anfangs reichen einige Sekunden
- Aufwärmen: Gründlich abtrocknen, warm anziehen, Tee trinken und in Bewegung bleiben, um den Körper langsam aufzuwärmen. Nicht warm duschen o. ä., dies könnte den Kreislauf zu stark belasten.
- Wichtig: Eisbaden ist ein kurzzeitiger Stresszustand für den Körper und bei bestimmten Vorerkrankungennicht nicht zu empfehlen. Im Zweifel hole dir vorab medizinischen Rat ein und lasse dich bei Bedarf sportmedizinisch untersuchen. Bei starkem Zittern, Schmerzen, Atemnot oder anderen Beschwerden das Eisbad bitte sofort abbrechen!
Und: Wer das komplette Eisbad scheut oder kein passendes Gewässer vor der Tür hat, kann auch von Kaltwasseranwendungen, etwa an Armen oder Beinen profitieren. Die Vorteile der Hydrotherapie kannte schon Sebastian Kneipp. Weiter Infos dazu findest du z. B. hier. Probier's gern mal aus!