Green Care & die Evidenz

Warum wir noch mehr Forschung zur Wirkung naturgestützter Interventionen brauchen (und wo die gerade passiert)

"Blick in die Natur verringert Schmerzen" – so titelte kürzlich tagesschau.de. Ganz neu ist diese Erkenntnis nicht. Wir brauchen trotzdem mehr solcher Studien. Denn nur auf ihrer Basis lässt sich die Green Care flächendeckend in der Gesundheitsversorgung umsetzen und finanzieren.

Vor mehr als 40 Jahren wies Prof. Roger Ulrich erstmals nach, dass Patient*innen sich schneller und mit weniger Schmerzen von ihrer Gallenblasen-OP erholten, wenn sie aus dem Fenster auf eine Gruppe Bäume anstatt auf eine Wand blickten. Nun wissen wir auch, dass Naturbilder die Schmerzverarbeitung im Gehirn positiv beeinflusst.

Warum ist das wichtig? Weil naturgestützte Interventionen äußerst wirkungsvoll sind und neben Schmerzen auch Stimmung, Nervensystem, Hormone und vieles mehr beeinflussen. Auf diese Weise kann der Ansatz vielen Menschen begleitend helfen, etwa bei der Rekonvaleszenz nach Operationen, im Zahnarztstuhl, bei psychischen Erkrankungen wie Depressionen und zur Stärkung der Lebensqualität bei neurodegenerativen Erkankungen wie einer Demenz.

Es gibt eine schon recht ansehnliche Datenlage zu den vielfältigen Gesundheitseffekten der Natur auf die biopsychosoziale Gesundheit. Zumindest im Hinblick darauf, dass die Disziplin gerade den Kinderschuhen entwächst. Finanziert werden Natur-Interventionen bisher jedoch fast ausschließlich durch Fördermittel oder das Engagement Einzelner. Pilotprojekte: Ja! Flächendeckende Versorgung: Fehlanzeige. Kostenträger verweisen diesbezüglich auf die evidenzbasierte Medizin:

"Es sollen (...) in erster Linie solche Arzneimittel und Therapien angewendet werden, deren Wirksamkeit und Nutzen durch geeignete Studien nachvollziehbar belegt sind."

Bundesministerium für Gesundheit


Grundsätzlich gut so, denn wer braucht schon Ansätze, die nicht wirken? Es braucht also dringend weitere Forschung zur Wirkung der Natur auf Gesundheit und Wohlbefinden. Denn mehr Forschung bedeutet mehr Evidenz – und die kann bewirken, dass naturgestützte Interventionen irgendwann Kassenleistung werden.

Natur auf Rezept

In anderen Ländern ist dies bereits gängige Praxis: Beim „Green Social Prescribing“ in Großbritannien etwa verordnen Ärzt*innen naturnahe Gemeinschaftsaktivitäten wie Wandern, Outdoor-Sport oder Gärtnern, um das Wohlbefinden ihrer Patien*innen zu fördern. Seit Anfang 2025 gibt es nun auch einen Vorstoß auf europäischer Ebene: Das Forschungsprojekt SP-EU wird in den kommenden fünf Jahren das Potenzial von Social Prescribing bei benachteiligten Personengruppen in elf europäischen Ländern untersuchen. Ein ungemein wichtiger und lang ersehnter Schritt für eine flächendeckende Versorgung auch bei uns!